Das Experiment mit den Marshmallows.

Das Marshmallow-Experiment hat ja schon einige Jahre auf dem Buckel. Genauergesagt so ungefähr ein halbes Jahrhundert. Aber so richtig bekannt ist es erst, seit 2006 ein Artikel in der New York Times darüber erschienen ist (Brooks, 2006).

Seither ist das öffentliche Interesse an den Erkenntnissen des Experiments ungebrochen – behauptet es doch nichts weniger, als anhand frühkindlicher Verhaltensweisen die Wahrscheinlichkeit für späteren Erfolg erkennen zu können!

Der Psychologe Walter Mischel hat dieses Experiment in den 60-er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ersonnen – er hatte sich ursprünglich mit der Hypothese beschäftigt, dass die menschliche Fähigkeit, eine Belohnung um einer zukünftigen größeren Belohnung willen aufzuschieben („Belohnungsaufschub” oder „Delayed gratification”), eine erlernbare kognitive Leistung ist. Der Setup des Experiments ist schnell erklärt: (vgl. Mischel, 2014)

An der Stanford Universität wurde Vorschulkindern des institutseigenen Kindergartens eine schwierige Entscheidung abverlangt: eine Süßigkeit ihrer Wahl SOFORT zu verspeisen oder die doppelte Menge NACH 20 MINUTEN. Diese 20 Minuten mussten die Kinder allein verbringen – mit der Möglichkeit, jederzeit nach den Forschungsassistenten läuten zu dürfen, wenn das Unbehagen zu groß würde. So wurden die Fähigkeit und die Strategien von Vorschulkindern getestet, den Erhalt einer Belohnung aufzuschieben. (vgl. ebd.)

Das (relativ amüsant anzusehende) Verhaltensrepertoire der Kinder (durch eine Glaswand hindurch beobachtet) umfasste unter anderem (vgl. ebd.):

  • sofortiges Klingeln nach der Bezugsperson
  • Wackeln mit dem Sessel
  • Hände über die Augen halten
  • den Kopf in die Hände legen, den Blick von der Süßigkeit abgewandt
  • die Süßigkeit so weit wie möglich wegschieben
  • das Innere aus allen Oreo-Keksen essen und dann so arrangieren, dass nichts zu bemerken ist
  • singen
  • Gedichte erfinden
  • mit imaginären Gestalten spielen
  • versuchen einzuschlafen
  • einschlafen

Wie lange sie durchgehalten haben? Durchschnittlich eineinhalb Minuten (nachzulesen in einem Interview mit Walter Mischel, erschienen 2015 in der Zeit). Manche nur wenige Sekunden. Einige verspeisten die Süßigkeit, bevor der Forschungsassistent überhaupt das Zimmer verlassen konnte. Aber es gab auch die sogenannten „Long-Delayers“ – die hielten 15 oder 20 Minuten durch – sie hatten sich offenbar bereits im zarten Kindesalter Strategien zugelegt, die sie zu dieser Leistung befähigten. (Rudzio, 2015)

Belohnungverzicht, nicht „Intelligenz”, heißt das Zauberwort für Erfolg.

Im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte stellte sich dann heraus, dass die Dauer des Wartens nicht nur mit den Ergebnissen in Aufnahmetests für Colleges korrelierte, sondern auch mit dem Sozialverhalten, dem Body-Mass-Index, mit dem Selbstwertgefühl, mit Suchtneigung, der Fähigkeit, produktiv mit Stress und Frustration umzugehen, Problemlösungskompetenz und Beziehungsfähigkeit –  quer über soziale Schichten hinweg gehörten diese Aspekte von Erfolg, wenn man ihn denn so definieren möchte, den Long-Delayern! (vgl. Mischel, 2014)

Wie sehr die Grundproblematik des Verzichts auch im Erwachsenenleben bestehen bleibt, ist jedem klar, der schon einmal vergeblich versucht hat, einen guten Vorsatz einzuhalten. Um es mit einer freien Übersetzung aus dem Buch Walter Mischels zu sagen: “Die kognitiven Fähigkeiten der Kinder, die versuchen, auf die größere Belohnung zu warten, sind Prototypen derjenigen, die man Jahre später braucht, um auf Examen zu lernen, anstatt mit den Freunden ins Kino zu gehen.” (vgl. ebd.) Und auch für jene, die wir benötigen, um unsere Diät einzuhalten, weniger Alkohol zu trinken oder mit dem Rauchen aufzuhören.

Beängstigend ist auf den ersten Blick, dass sich diese Anlage schon im frühen Kindesalter zeigt. Dazu kommt, dass weitere Experimente sie noch weiter zurückdatieren – schon das Verhalten von 18 Monate alten Kleinkindern, wenn die primäre Bezugsperson den Raum für zwei Minuten verläßt, zeigt eine deutliche Korrelation mit dem Verhalten beim Marshmallowtest. (vgl. ebd.) Das wirft folgende Frage auf:

Sind wir etwa nicht unseres Glückes Schmied/-in?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns zweierlei vor Augen halten. Erstens: es handelt sich um eine Statistik, also um die Retterin des Individuums, und was für viele zutrifft, muss für Einen noch lange nicht gelten. Man weiß auch nicht immer genau, was das Kind dazu bewegt, den Test abzubrechen – es kann einfach vergessen haben, vor dem Test auf die Toilette zu gehen! (vgl. ebd.)
Noch viel wichtiger und interessanter ist aber die Erkenntnis, dass die Fähigkeit, auf eine Belohnung zu warten, sich mit den Umständen dramatisch ändern kann:

„The child who can’t wait a minute can manage to wait for twenty when he changes his thoughts about the temptations.“ (Das Kind, das keine Minute warten kann, schafft es, zwanzig Minuten zu warten, wenn es seine Gedanken über die Verlockung ändert.) (ebd.)

Zum Beispiel können folgende Interventionen die Dauer des Wartens signifikant verlängern:

  • der Vorschlag der Bezugsperson, an etwas Lustiges zu denken
  • den Kindern während des Wartens lebensgroße Bilder der Belohnung anstelle der Belohnung selbst zeigen
  • vorschlagen, das Kind solle sich vorstellen, dass die Süßigkeiten nicht echt seien sondern ein Bild (sich einen Rahmen um die Marshmallows denken)
  • Die Anregung, sich vorzustellen, die Marshmallows wären bauschige Wolken
  • dem Kind zuvor ein Kompliment machen (zum Beispiel zu einer Zeichnung)
  • sich vor Augen führen, wie jemand anders sich in dieser Situation verhalten würde
  • im Vorhinein Wenn-Dann Pläne schmieden

Andererseits verschlechtert sich das Durchhaltevermögen massiv, wenn das Kind folgende Anweisungen beherzigt:

  • ganz intensiv an die Belohnung denken
  • vorgeben, die dem Kind gezeigten lebensgroßen Bilder der Belohnung wären echt
  • sich den süßen Geschmack der Marshmallows vorstellen
  • an etwas denken, das traurig macht

Auch das Alter beeinflusst das Ergebnis – Kinder, die es nicht schaffen, zu warten, können sich zu Jugendlichen und Erwachsenen entwickeln, die sehr wohl erfolgreiche Strategien des Widerstands entwickelt haben! (vgl. ebd.)

Verlässlichkeit von Beziehungen und Erfolgszuversicht

Natürlich muss das Kind muss darauf vertrauen können, dass es die Belohnung danach wirklich bekommt. Kinder, denen dies zuvor demonstriert worden ist (die Versuchsleiterin hat ihr Versprechen gehalten, neue Buntstifte zu bringen), warten länger als Kinder, die vom Versuchsleiter zuvor enttäuscht worden sind (der Versuchsleiter hat die versprochenen Stifte nicht gebracht). Wenn das Warten keinen Sinn macht, dann tut man es auch nicht. (vgl. ebd.)

Ob ein Kind geduldig ist oder nicht, hängt stark davon ab, wie verlässlich seine Beziehungen sind, sagt Matthias Sutter, Professor an der Uni Köln, ehemals an der Uni Innsbruck, der ebenfalls ein Buch geschrieben hat (Sutter, 2014), in einem Interview in der Zeit aus dem Jahr 2014. Und: Geduld sei nicht nur angeboren, sondern ein Produkt von Erfahrung. Kinder, die nicht vom Gefühl geprägt sind, zu kurz zu kommen, werden leichter (stressfreie, spielerische) Hartnäckigkeit entwickeln und ihre selbstgesteckten Ziele subjektiv leichter erreichen. (Bund und Rudzio, 2014)

Hier befindet sich also der Hebel, an dem Erziehungspersonen ansetzen können, um Kindern zu späterem Erfolg zu verhelfen –  nicht bei Pisa und Bologna? Das ist ein Trost für alle, die sich darüber sorgen, was das Bildungssystem mit unseren Kindern anstellt. Die Marshmallow-Ergebnisse zeigen uns, dass man im Kleinen, im Privaten arbeiten kann, dass man nicht völlig hilflos der Zentralmatura, den Aufnahmeprüfungen und der Studieneingangs- und Orientierungsphase ausgesetzt ist. Wir müssen nur unseren Kindern das Gefühl geben, dass Anstrengung sich auszahlt. Und dass Beharrlichkeit zum Ziel führt.

Literaturverzeichnis:

Mischel, Walter (2014), „The Marshmallow Test – Why Self-Control is the Engine of Success“, Little Brown and Company, Kindle-Ausgabe (ASIN: B00NF0TMHE)
Sutter, Matthias (2014), „Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent.”, Ecowin verlag (ISBN-10: 3711000541)

Online:

Brooks, David (2006), “Marhsmallows and Public Policy”, in: The New York Times, [online],  http://www.nytimes.com/2006/05/07/opinion/07brooks.html [20.1.2018]
Bund, Kerstin und Rudzio Kolja (2014), “Beherrsch dich!”, in: Die Zeit, [online],  http://www.zeit.de/2014/46/marshmallow-test-erfolg-geduld-selbstdisziplin [20.1.2018]
Rudzio Kolja (2015), “Fragen Sie das Marhsmallow Orakel”, in: Die Zeit, [online],  http://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/02/marshmallow-experiment-psychologie-walter-mischel/seite-3 [20.1.2018]


Empfohlene Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=amsqeYOk–w&list=RDQX_oy9614HQ&index=7